UB-Ausstellung UM-BENANNT: Straßennamen in München
14.07.2026
Was verraten Straßennamen über die Erinnerungskultur in München nach 1945? LMU-Studierende haben dazu eine Ausstellung konzipiert.
14.07.2026
Was verraten Straßennamen über die Erinnerungskultur in München nach 1945? LMU-Studierende haben dazu eine Ausstellung konzipiert.
Die Debatten über den Umgang mit dem Erbe des Nationalsozialismus, mit Ehrungen und mit Erinnerungskultur unmittelbar nach Kriegsende sind Schwerpunkt der Ausstellung „UM-BENANNT. Straßennamen und Erinnerungskultur in München nach 1945“, die bis zum 17. Oktober 2026 in der Ausleihhalle der Universitätsbibliothek zu sehen ist.
„UM-BENANNT“ entstand in den vergangenen zwei Semestern im Rahmen von Lehrveranstaltungen, die Constanze Jeitler, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar der LMU, geleitet hat. Die Ausstellung basiert auf einer intensiven Kooperation des Lehrstuhls für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte, der Universitätsbibliothek, der Weiße Rose Stiftung e.V. und des Stadtarchivs München.
„Straßennamen erscheinen auf den ersten Blick banal, alltäglich, wir schenken ihnen wenig Aufmerksamkeit“, sagt Constanze Jeitler. „Im Laufe des Kurses wurde jedoch schnell deutlich, dass sich dahinter spannende Geschichten und Fragen nach Erinnerung, Macht und gesellschaftlichen Wertvorstellungen verbergen.“
Gemeinsam konnte das Organisationsteam anhand von Unterlagen aus dem Stadtarchiv der Landeshauptstadt untersuchen, wie München nach Kriegsende mit dem historischen Erbe der sogenannten „Hauptstadt der Bewegung“ umging und welche Erinnerung an die Vergangenheit im Stadtbild damals verankert werden sollte.
„Wir besuchten das Archiv, ließen uns Akten liefern und schauten uns originale Protokolle des Münchner Stadtrats an, in denen über mögliche Umbenennungen entschieden wurde. Für uns Studierende war es wirklich megaspannend, diese Dokumente, die über 80 Jahre alt waren, in den Händen zu halten, auszuwerten und lesen zu dürfen“, sagt die Studentin Maria Schilcher, die zusammen mit ihren Kommilitoninnen und Kommilitonen an der Ausstellung mitgewirkt hat.
Straßennamen erscheinen auf den ersten Blick banal, alltäglich, wir schenken ihnen wenig Aufmerksamkeit. Im Laufe des Kurses wurde jedoch schnell deutlich, dass sich dahinter spannende Geschichten und Fragen nach Erinnerung, Macht und gesellschaftlichen Wertvorstellungen verbergen.Constanze Jeitler, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte
Diese macht deutlich, dass Straßen und Plätze keine neutralen Orientierungshilfen sind, sondern dass sie politische, gesellschaftliche und kulturelle Wertvorstellungen sowie deren Wandel ausdrücken. Damals wie heute spiegeln Debatten über Straßennamen erinnerungspolitische Auseinandersetzungen wider. Ehrungen zeigen, wen eine Gesellschaft für erinnerungswürdig hält, Umbenennungen hingegen, welche Persönlichkeiten sie nicht länger ehren will.
Unmittelbar nach dem Kriegsende im Frühjahr 1945 standen Bürgermeister, Stadtrat und Militärregierung vor der Aufgabe, nicht nur die Versorgung der größtenteils zerstörten Stadt sicherzustellen, sondern auch nationalsozialistische Einflüsse und Symbole zu entfernen. Maßnahmen zur Entnazifizierung und Entmilitarisierung betrafen nicht nur Verwaltung, Politik, Medien, Wirtschaft oder Kultur, sondern auch den öffentlichen Raum.
Das galt insbesondere in München, das die Nationalsozialisten zu ihrer „Hauptstadt der Bewegung“ stilisiert hatten: Zwischen 1933 und 1945 waren von ihnen mehr als 1.000 Straßen und Plätze (um-)benannt worden. Von der Auslöschung aus dem Stadtbild betroffen waren vor allem „jüdische“ Straßennamen sowie solche von NS-Gegnern oder Demokraten. So verschwanden Schüleinstraße und Schüleinplatz in Berg am Laim, beide benannt nach dem jüdischen Brauereibesitzer und Philanthropen Joseph Schülein.
Stattdessen favorisierten die Nationalsozialisten Namen, die an die nach 1919 verlorenen Kolonien sowie die sogenannten „Blutzeugen der Bewegung“ erinnerten.
Für uns Studierende war es wirklich megaspannend, diese Dokumente, die über 80 Jahre alt waren, in den Händen zu halten, auszuwerten und lesen zu dürfen.LMU-Studentin Maria Schilcher
Entsprechend waren Stadtpolitik, Militärregierung und Bevölkerung nach 1945 gefordert, zu entscheiden, welche Vergangenheit, Ereignisse und Personen im Stadtplan sichtbar und welche Lehren damit aus der Vergangenheit gezogen werden sollten.
Mit Blick auf die Benennung der beiden Vorplätze der LMU in Geschwister-Scholl-Platz beziehungsweise Professor-Huber-Platz bereits im Jahr 1946 – der Musikwissenschaftler Professor Kurt Huber war ebenfalls Mitglied der Weißen Rose – zeigt sich etwa, dass bereits sehr früh Impulse für Benennungen aus der Bevölkerung kamen.
„Es bewegt mich immer wieder aufs Neue, anhand eines Dokuments zu sehen, dass bereits im Juni 1945 von Bürgern die Benennung der Plätze vor der Universität nach den Geschwistern Scholl und Professor Kurt Huber verlangt wurde. Diese frühe Würdigung des Widerstands der Weißen Rose ist für mich ein großes Zeichen des demokratischen Neubeginns“, sagt Dr. Hildegard Kronawitter, 1. Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung.
Ganz anders das Beispiel der Münchener Freiheit, die während des Nationalsozialismus Danziger Freiheit hieß. Ehemalige Widerstandskämpfer der Freiheitsaktion Bayern widersetzten sich zum Teil einer Vereinnahmung durch das neue bayerische Ehrregime. Auch aus der Bevölkerung kam Kritik: Viele hielten Umbenennungen angesichts anderer drängender Probleme für überflüssig.
Für Jill Popin und Theresa Zierhut, die sich in ihrem Ausstellungsbeitrag mit dem Geschwister-Scholl-Platz beschäftigt haben, war es eine besondere Herausforderung, denn „wie schreibt man über etwas, das die eigene Institution und den Ort, an dem man studiert, direkt betrifft?“ Im Zuge ihrer Arbeit haben sich die beiden Studentinnen intensiv mit dem Gedenken an die Weiße Rose an der LMU befasst. „Ausgangspunkt waren Denkmäler und Gedenkveranstaltungen der Universität sowie Archivalien des Stadtarchivs – darunter Stadtratsdiskussionen, Zeitungsartikel und Briefe“, sagt Zierhut. „Zentral ist“, ergänzt Popin, „dass Erinnerung kein passives Bewahren der Vergangenheit ist, sondern ein sozialer Prozess, der Identität stiftet und die Werte einer Gesellschaft widerspiegelt.“
Nach 1945 wurde jedoch nur ein Bruchteil der nationalsozialistischen Straßen- und Platznamen revidiert. Darunter vor allem solche, die offenkundig im Zusammenhang mit dem NS-Regime standen – etwa die nach Adolf Hitler benannten Straßen und Plätze.
Entsprechend ehren noch immer viele Straßennamen antisemitische Denker oder den deutschen Kolonialismus. Auf der Liste der Straßen mit einem „erhöhten Diskussionsbedarf“ steht beispielsweise die 1936 benannte Hella-von-Westarp-Straße. Die Namensgeberin gehörte zu ihren Lebzeiten der antisemitischen und rechtsextremen Thule-Gesellschaft an.
Raffael Viviani hat sich in seinem Beitrag zur Ausstellung mit der Kardinal-Faulhaber-Straße befasst. Der frühere Erzbischof von München und Freising hatte sich vor allem mit seiner Loyalität gegenüber dem NS-Regime hervorgetan. „Die Idee zu meinem Beitrag entstand, weil meine Oma 45 Jahre lang in der Straße gearbeitet hat. Deshalb bin ich sofort aufmerksam geworden, als die Straße Gegenstand der aktuellen Umbenennungsdebatte wurde“, erinnert sich der LMU-Student.
Eine besondere Herausforderung für ihn und „zugleich eine spannende Erfahrung“ sei die sorgfältige Auswertung und historische Einordnung der Quellen aus dem Stadtarchiv gewesen sowie die möglichst genaue Darstellung aller Sichtweisen und ihrer jeweiligen Hintergründe in der aktuellen Debatte.
Auch Constanze Jeitler konnte Informationen zur Straße finden, in der sie selbst wohnt: „In den Unterlagen der NS-Zeit findet sich ein Gutachten der Reichsstelle für Sippenforschung aus dem Jahr 1939, die den Verdacht der Stadtverwaltung bestätigt, dass der Namensgeber jüdischer Abstammung war. Zu einer Auslöschung der Erinnerung an einen jüdischen Münchner kam es jedoch aufgrund des Kriegsausbruchs nicht.“
Die Ausstellung in der Ausleihhalle der Universitätsbibliothek macht deutlich, dass die Debatten über den Umgang mit der NS-Vergangenheit in der unmittelbaren Nachkriegszeit viele Fragen vorwegnahmen, die bis heute die Diskussion über Straßennamen, Sichtbarkeit und historische Verantwortung prägen. Zugleich machen die Ausstellung und die begleitende Website universitäre Lehre als Ort der Wissensproduktion sichtbar.
Es bewegt mich immer wieder aufs Neue, anhand eines Dokuments zu sehen, dass bereits im Juni 1945 von Bürgern die Benennung der Plätze vor der Universität nach den Geschwistern Scholl und Professor Kurt Huber verlangt wurde.Dr. Hildegard Kronawitter, 1. Vorsitzende der Weiße Rose Stiftung
Für den Aufbau der Website waren Kristina Gunne und Yiqing Wang im Rahmen des Zertifikatsprogramms Digital Humanities an der LMU zuständig.
„Für mich als Promovendin der Geschichte waren der Aufbau einer Website und das Hintergrundwissen, das es für den Webseitenbau benötigt, neu und dementsprechend auch herausfordernd, aber gleichzeitig sehr spannend“, sagt Gunne.
Gunne und Wang bauten interaktive Karten, anhand derer die Straßen- und Platzumbenennungen in München in den Jahren 1945-1947 sichtbar sind. „Daraus entwickelte sich dann noch der Aufbau einer zweiten interaktiven Karte, die die Umbenennungen im Nationalsozialismus zeigt. Zum anderen haben wir uns um den Aufbau und die Struktur der Website gekümmert, sodass die Ausstellung online nicht einfach nur wiedergegeben wird, sondern als eigenständige Website erkennbar ist“, erläutert Gunne.
„Besonders spannend fand ich die Verbindung von historischen Quellen, Datenbankarbeit und digitalen Methoden. Durch das Projekt konnte ich nicht nur meine digitalen Kenntnisse praktisch anwenden, sondern auch viele interessante Geschichten hinter Münchner Straßennamen entdecken“, berichtet ihre Teamkollegin Yiqing Wang.
Durch das Projekt konnte ich nicht nur meine digitalen Kenntnisse praktisch anwenden, sondern auch viele interessante Geschichten hinter Münchner Straßennamen entdecken.LMU-Studentin Yiqing Wang
Seminarleiterin Constanze Jeitler haben besonders die Neugier und Unerschrockenheit beeindruckt, mit denen die Studierenden im Winter- und Sommersemester an die historischen Quellen herangegangen sind und diese analysiert haben – auch im Kontext aktueller Debatten über Straßennamen und Erinnerungskultur. „Die Ausstellung ist keine wissenschaftliche Hausarbeit, sondern das Resultat einer Auseinandersetzung junger Menschen mit gegenwärtigen Fragen über die Sichtbarkeit von Erinnerung im öffentlichen Raum.“